Elektroauto an Ladesäule

Wird 2022 das Jahr des Elektroautos?

Das Jahr 2022 ist gerade wenige Wochen alt und dennoch stellt sich bereits jetzt die Frage: Wie wird die neue Regierung mit dem Ruf nach mehr nachhaltiger Mobilität umgehen? Kurz gefragt: Wird 2022 das Jahr des Elektroautos?

Die Akzeptanz von elektrischer Mobilität steigt, wie die Zahlen belegen: waren 2011 nur rund 2.300 Elektroautos, sind es 2021 mehr als 365.000 Bestandsfahrzeuge mit rein elektrischem Antrieb. Wenn man Hybridautos mit einbezieht, sind es mittlerweile mehr als 1 Million Fahrzeuge, Tendenz stark steigend. Mit dem Regierungswechsel kommt in Sachen Elektromobilität auch wieder frischer Wind auf und der ist bitter nötig. Denn mit Blick auf den drohenden Klimawandel und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Herausforderungen, bedarf es neuer Gesetzesvorhaben, die zielgerichtet den Weg für die Elektromobilität ebnen.

Plugin-Hybrid an Ladestation

Mobil ja, aber bitte auch umweltschonend!

Das Thema Mobilität ist in aller Munde. Kein Wunder, denn Klimaveränderungen und hohe Rohstoffpreise verlangen ein Umdenken in vielen Lebensbereichen. Wie wir uns künftig fortbewegen, sowohl privat als auch geschäftlich, ist Thema vieler politischer Diskussionen. Die private Mobilität wird immer differenzierter. Vor allem in den Städten setzen Menschen neben dem öffentlichen Nahverkehr auch auf die sogenannte Mikromobilität mit E-Rollern, E-Scootern oder E-Fahrrädern. Aber im geschäftlichen Kontext ist das Auto immer noch das Fortbewegungsmittel der Wahl.

Laut Statista gab es im Jahr 2020 in Deutschland ca. 5,15 Millionen Personenkraftwagen mit einem gewerblichen Fahrzeughalter, was etwa 10 Prozent des gesamten Pkw-Bestands entspricht. 2021 wurden etwa 2,6 Millionen Pkw neu zugelassen, mehr als 60 Prozent durch gewerbliche Halter. Es bewegt sich also wortwörtlich etwas auf dem Flottenmarkt.

Aber welche Rückschlüsse lassen sich aus diesen Zahlen auf die Entwicklung der Elektromobilität ziehen? Mittlerweile nutzen ca. 47 Prozent aller Fuhrparks alternative Antriebe und ein weiteres Drittel plant in den kommenden drei Jahren den Umstieg. Unklar bleibt jedoch, wie viele die Planung auch in die Tat umsetzen und die Flotte tatsächlich elektrifizieren und wenn, mit wie vielen Fahrzeugen. Denn nach wie vor sind nur die wenigsten Fuhrparks vollständig elektrifiziert. Die Mehrheit der Flottenbetreiber setzt nach wie vor auf Verbrenner. Zu berücksichtigen ist auch das Stadt-Land-Gefälle innerhalb der Branche: Städtische Flotten haben eine deutlich höhere Elektrifizierungsrate als der bundesweite Durchschnitt. Allerdings zeigen sich auch hier große regionale Unterschiede.

Fuhrparkverantwortliche befinden sich in einer Zwickmühle: Einerseits wird der Ruf nach alternativen Antrieben immer lauter, anderseits ist aber der Planungs- und Organisationsaufwand bei einer E-Flotte deutlich höher. Ein Beispiel: Neben der Beschaffung der Fahrzeuge selbst, muss auch die Ladeinfrastruktur durchdacht und umgesetzt werden. So müssen Ladesäulen beim örtlichen Energieversorger angemeldet und die Auslastung der Ladesäulen prognostiziert werden. Ebenso die anfallenden Stromkosten, je nach Tageszeit – Abhängigkeiten, die kostentechnisch schnell ins Gewicht fallen können, trotz staatlicher Förderung. Eine weitere Hürde ist zudem die Machbarkeit. Nicht jede Flotte lässt sich ohne Weiteres elektrifizieren. Vor allem, wenn eine Flotte aus Nutzfahrzeugen besteht. Zwar ist der Markt an E-Transportern innerhalb weniger Jahre deutlich gewachsen, E-Transporter sind aber nach wie vor teuer und haben lange Lieferzeiten. Unternehmen, die, aber bereit sind ihr Kerngeschäft anzupassen und zu modernisieren, steigen auf Elektromobilität um.

Was die Elektrifizierung der Flotte bedeutet

Die Unternehmensflotte zu elektrifizieren, ist eine komplexe Aufgabe. Neben der Beschaffung von Elektrofahrzeugen ist die Planung und der Ausbau von Ladeinfrastruktur entscheidend. Insbesondere letzteres wird häufig unterschätzt. Digitale Lösungen können helfen den Investitionsbedarf effektiv zu beschränken. Das setzt aber einen Wissensaufbau voraus, dem wiederum eine Anforderungsanalyse und ein Konzept vorausgeht. Hier gibt es noch massiven Nachholbedarf.

Finanzielle Anreize durch den Staat sind ein erster, richtungsweisender Schritt für die Flottenelektrifizierung. Sie müssen in den Unternehmen aber auch passgenau angewandt werden. Die Umstellung auf Elektromobilität ist auch mit finanziellem Puffer kein Selbstläufer. Auch der Bund hat erkannt, dass eine bedarfsgerechte Ladeinfrastruktur ein Grundpfeiler von Elektromobilität ist und fördert mit 350 Millionen Euro den Ausbau von Ladestationen auf Parkplätzen für betriebliche und kommunale Flotten.

Ladestation auf leerem Parkplatz

Welche Maßnahmen die Elektromobilität fördern können:

1. Verkaufsverbote für Verbrennermotoren

In Norwegen, Großbritannien und den Niederlanden ist ab 2030 die Neuzulassung von Benzinern und Dieselmotoren nicht mehr möglich. So werden bereits jetzt Autohäuser und potenzielle Kunden zu einem Umdenken gezwungen. Inwieweit hier Ausnahmen für Unternehmen geschaffen werden, ist noch unklar, dennoch wird sich in diesen Ländern der Anteil an Elektrofahrzeugen in allen Bereichen deutlich erhöhen.

2. Gezieltere Fördermaßnahmen
Das Gießkannenprinzip bei der Förderung hat anfangs gut funktioniert, um Anreize zu schaffen. Mittlerweile braucht es aber mehr. Die Förderungen müssen auf die Bedürfnisse der Nutzer, seien es Privatpersonen aber auch Unternehmen angepasst werden. Das bedeutet konkret: Schauen, was die verschiedenen Nutzergruppen brauchen. Das ist in erster Linie die lösungsorientierte Planung von Ladestationen.
Hier sind auch unkonventionelle Ideen gefragt.

3. Bessere Kommunikation
Sowohl Politik als auch Wirtschaft sind hier in der Bringschuld die Vorurteile, die es nach wie vor über Elektromobilität gibt, zu entkräften. Das kann durch gezielte Kampagnen, Kaufanreize aber auch neue Gesetze geschehen. Nicht zu unterschätzen ist hier der Punkt Kostentransparenz. Laut Daniela Kluckert vom BMDV ist es aus Verbrauchersicht „schwierig zu vermitteln, dass an der Tankstelle jeder das Gleiche für Benzin und Diesel zahlt – und an der Ladesäule nicht.“

4. Bonusmodelle
Experten fordern schon seit langem einen Umbau der Kfz-Steuer sowie ein Bonussystem, das Fahrer belohnt, wenn sie auf nachhaltige Antriebe umsteigen. Zusätzlich ist eine Reform der Energiesteuern angebracht, denn sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen blicken mit Sorge auf die extreme Preissteigerung bei den Rohstoffen innerhalb der letzten Monate.

5. Unterstützung durch Digitalisierung
Freie Ladestationen zu finden und den Bedarf an Mobilität zuverlässig einschätzen zu können, den Energieverbrauch sinnvoll zu prognostizieren und Ökostrom besser anwendbar zu machen – dazu kann Software sehr viel beitragen. Mit einer verbesserten digitalen Infrastruktur kann auch Elektromobilität flächendeckend und vor allem kosteneffizient eingesetzt werden. Hier sind wir noch am Anfang. Offene Standards sowie ein verstärkter Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik können hier den erwünschten Erfolg bringen.

Quo vadis Elektromobilität?

Wie geht es nun also weiter mit der Elektromobilität? Das Ziel der Bundesregierung steht fest: Bis zum Jahr 2030 sollen 15 Millionen E-Fahrzeuge in Deutschland fahren. Um dieses Ziel in die Tat umzusetzen, sind im Koalitionsvertrag viele Punkte verankert, die richtungweisend sind und der elektrischen Transformation auf deutschen Straßen einen Schub geben können. VDA-Präsidentin Müller sieht keinerlei Problem in der Herstellung von 15 Millionen E-Fahrzeugen, ist aber skeptisch, ob der Reaktion des Verbrauchers. Denn am Ende ist es die Kaufentscheidung des Einzelnen, die über den Erfolg oder Misserfolg von E-Mobilität entscheidet. Am Ende müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher die Elektromobilität annehmen“, so Müller.

Für Unternehmen braucht es die Formulierung von klaren Gesetzgebungen.

In den vergangenen vier Jahren hat die alte Regierung zu keinem Zeitpunkt gezeigt, wie [deren] Ziele [in Sachen ökologischer Mobilitätswende] erreicht werden sollen.

Christian Hochfeld

Direktor Agora Verkehrswende

2022 wird insbesondere deswegen wichtig, da politische Grundentscheidungen aus den vergangen Jahren überdacht werden können und sollten. Die neue Bundesregierung hat nun die Möglichkeit Maßnahmen gezielt zu definieren und umzusetzen. Das bedarf in erster Linie Mut, aber vor allem auch Steuerungsinstrumente. Und nicht zuletzt entscheidet das Voranschreiten der Digitalisierung über eine erfolgreiche Transformation der Mobilität.